300 kW stehen auf der Schnellladesäule. Dein E-Auto lädt aber nur mit 50 kW. Gerade im Winter ist das keine Seltenheit.
Liegt es an der Ladesäule? Nicht unbedingt. Vielleicht ist der Akku schlicht zu kalt, um die angebotene Leistung aufzunehmen.
Denn beim DC-Schnellladen zählt nicht nur, wie viel Leistung die Ladesäule bereitstellen kann. Entscheidend ist auch, wie viel dein Fahrzeug gerade aufnehmen darf.
Die Akkutemperatur spielt dabei eine wichtige Rolle. Mit der richtigen Vorbereitung kannst du die Ladezeit unter passenden Bedingungen deutlich verkürzen.
Wie das funktioniert? Dafür müssen wir zwei Begriffe auseinanderhalten: Akkutemperierung und Vorkonditionierung.
Lithium-Ionen-Akkus mögen keine extremen Temperaturen. Besonders beim Schnellladen kann Kälte die Ladeleistung deutlich reduzieren.
Der Grund liegt im Inneren der Batteriezellen.
Bei niedrigen Temperaturen laufen elektrochemische Prozesse langsamer ab. Die Lithium-Ionen bewegen sich weniger leicht durch die Batterie, und der Innenwiderstand kann steigen.
Würde das Fahrzeug trotzdem mit sehr hoher Leistung laden, könnten unerwünschte chemische Prozesse auftreten. Dazu gehört beispielsweise das sogenannte Lithium-Plating, bei dem sich metallisches Lithium an der negativen Elektrode ablagert.
Deshalb überwacht das Batteriemanagementsystem (BMS) laufend den Zustand des Akkus und begrenzt bei Bedarf die Ladeleistung.
Das Fahrzeug lädt also nicht langsam, weil es nicht schneller möchte, sondern weil es den Akku schützen muss.
Auch ein zu warmer Akku kann die Schnellladeleistung begrenzen.
Bei hohen Ladeleistungen entsteht Wärme, die das Thermomanagementsystem abführen muss. Reicht die Kühlung nicht aus, kann das Fahrzeug die Ladeleistung reduzieren.
Deshalb bedeutet eine optimale Akkutemperatur nicht einfach „möglichst warm“.
Es geht darum, die Batteriezellen im passenden Temperaturbereich zu halten – beim Fahren genauso wie beim Laden.
Beide Begriffe beschreiben das Temperaturmanagement des Akkus. Allerdings mit unterschiedlichem Schwerpunkt.
Unter Akkutemperierung versteht man das gezielte Heizen oder Kühlen der Hochvoltbatterie.
Je nach Fahrzeug geschieht das automatisch während der Fahrt, beim Laden oder unter bestimmten Bedingungen auch im Stand.
Dafür kommen unterschiedliche technische Lösungen zum Einsatz, etwa Flüssigkeitskühlung, elektrische Heizelemente oder Wärmepumpensysteme.
Das Fahrzeug regelt die Temperatur abhängig davon, was die Batterie gerade benötigt.
Die Akku-Vorkonditionierung geht einen Schritt weiter.
Wenn ein DC-Schnellladestopp bevorsteht, bereitet das Fahrzeug die Batterie gezielt darauf vor.
Bei winterlichen Temperaturen wird der Akku in der Regel vorgewärmt. Im Sommer kann die Vorbereitung dagegen auch eine aktive Kühlung beinhalten.
Das Ziel: Die Batterie soll möglichst schon bei der Ankunft an der Schnellladesäule eine günstige Temperatur haben.
So muss das Fahrzeug nicht erst während des Ladevorgangs auf die passenden Bedingungen hinarbeiten.
Vorkonditionierung spart im Idealfall Zeit an der Ladesäule, weil die Temperaturvorbereitung bereits unterwegs stattfindet.
Bei vielen modernen Elektroautos lässt sich die Akku-Vorkonditionierung über das Navigationssystem aktivieren.
Dafür wählst du eine DC-Schnellladestation als Ziel oder Zwischenstopp aus.
Das Fahrzeug kann dann die voraussichtliche Ankunftszeit und den Zustand der Batterie berücksichtigen, um rechtzeitig mit der Temperierung zu beginnen.
Allerdings gibt es Unterschiede zwischen Herstellern und Modellen.
Bei manchen Fahrzeugen startet die Funktion automatisch über die Navigation. Andere bieten eine manuelle Aktivierung an. Wieder andere verfügen nicht über eine spezielle Vorkonditionierung für das DC-Schnellladen.
Wichtig ist auch, wie du das Ziel auswählst.
Bei einigen Fahrzeugen reicht es nicht, die Adresse des Ladeparks einzugeben. Die Ladestation muss ausdrücklich als DC-Ladepunkt in der Fahrzeugnavigation ausgewählt werden.
Tipp: Wenn du deine Route mit einer externen App planst, übernimm den geplanten Schnellladestopp gegebenenfalls auch in die Navigation deines Autos. So kann die Vorkonditionierung bei entsprechend ausgestatteten Fahrzeugen automatisch starten.
Das hängt vom Fahrzeug und den Bedingungen ab.
Ist die Batterie nach einer kalten Nacht stark ausgekühlt, braucht sie möglicherweise deutlich länger als nach einer ausgedehnten Autobahnfahrt.
Auch die Außentemperatur, das Heizsystem und der aktuelle Akkustand spielen eine Rolle.
Wer erst wenige Minuten vor dem Ladestopp die Vorkonditionierung startet, sollte daher nicht automatisch mit optimaler Ladeleistung rechnen.
Außerdem benötigt die Vorbereitung Energie. Bei niedrigem Akkustand können manche Fahrzeuge die Funktion einschränken oder deaktivieren, um genügend Reichweite zu erhalten.
Stell dir einen winterlichen Samstagmorgen vor.
Zwei Fahrer sind mit demselben Elektroautomodell unterwegs und steuern denselben HPC-Ladepark an. Beide kommen mit einem vergleichbaren Akkustand an.
Das erste Fahrzeug stand die ganze Nacht draußen. Nach wenigen Kilometern Fahrt geht es direkt an die Schnellladesäule.
Das zweite Fahrzeug ist bereits länger unterwegs. Die Ladestation war frühzeitig in der Navigation hinterlegt, und der Akku wurde für den Ladestopp vorkonditioniert.
Obwohl beide Fahrzeuge technisch identisch sind, kann das zweite deutlich schneller laden.
Der Grund: Seine Batterie befindet sich möglicherweise bereits in einem günstigeren Temperaturbereich.
Gerade bei längeren Winterfahrten, etwa auf dem Weg in die Berge oder auf einer Autobahnetappe, kann die gezielte Vorbereitung deshalb einen spürbaren Unterschied machen.
HPC steht für High Power Charging und bezeichnet besonders leistungsfähige DC-Schnellladetechnik.
Eine HPC-Ladesäule kann beispielsweise eine maximale Leistung von 300 kW anbieten. Das bedeutet aber nicht, dass jedes angeschlossene Auto diese Leistung nutzen kann.
Die tatsächlich erreichte Ladeleistung hängt von mehreren Faktoren ab.
Maximale DC-Ladeleistung des Fahrzeugs: Jedes E-Auto besitzt eine technisch festgelegte Ladeleistungsgrenze. Ein Fahrzeug mit maximal 150 kW DC-Ladeleistung wird auch an einer 300-kW-Säule nicht mit 300 kW laden.
Ladestand (State of Charge, SOC): Mit zunehmendem Akkustand sinkt die mögliche Ladeleistung normalerweise. Besonders bei hohen Ladeständen wird das Laden häufig deutlich langsamer.
Ladekurve: Sie beschreibt, wie sich die Ladeleistung während des Ladevorgangs verändert. Die maximale Leistung wird oft nur innerhalb eines begrenzten SOC-Bereichs erreicht.
Leistungsfähigkeit der Ladeinfrastruktur: Auch die Ladesäule selbst kann begrenzen, etwa durch verfügbare Netzleistung, Temperatur, technische Kompatibilität oder die Aufteilung der Leistung auf mehrere Ladepunkte.
Deshalb lohnt sich beim Vergleich von Elektroautos ein Blick auf die Ladezeit von beispielsweise 10 auf 80 Prozent – nicht nur auf den höchsten kW-Wert im Datenblatt.
Wenn dein Fahrzeug die automatische Vorkonditionierung unterstützt, solltest du die Schnellladestation möglichst rechtzeitig in der Navigation auswählen.
Besonders bei niedrigen Temperaturen braucht die Batterie unter Umständen ausreichend Zeit, um den gewünschten Temperaturbereich zu erreichen.
Prüfe, ob dein Elektroauto eine manuelle oder navigationsbasierte Vorkonditionierung besitzt.
Achte darauf, dass die reine Innenraum-Vorklimatisierung nicht automatisch dasselbe ist wie die gezielte Akku-Vorbereitung für einen DC-Ladestopp.
Welche Funktionen verfügbar sind, steht in der Betriebsanleitung deines Modells.
Schnellladen funktioniert häufig besonders gut bei niedrigem bis mittlerem SOC.
Wer mit 80 Prozent an einer HPC-Säule ankommt, wird die maximale Ladeleistung normalerweise nicht mehr lange sehen – unabhängig von der Akkutemperatur.
Trotzdem ist ein möglichst niedriger Akkustand kein Selbstzweck. Plane immer mit einer ausreichenden Energiereserve.
Die Vorkonditionierung benötigt selbst Energie.
Für einen längeren Autobahntrip mit geplantem Schnellladestopp kann sich dieser Aufwand lohnen.
Bei einer kurzen Fahrt zum Supermarkt oder beim normalen AC-Laden ist die gezielte Vorbereitung auf hohe DC-Ladeleistungen dagegen meist nicht notwendig.
Es geht nicht darum, den Akku ständig möglichst warm zu halten, sondern ihn zum richtigen Zeitpunkt in den passenden Temperaturbereich zu bringen.
Nicht jede ungewöhnlich langsame Ladung lässt sich mit einem kalten Akku erklären.
Auch die Ladestation kann die Leistung begrenzen. Gründe können technische Störungen, eine eingeschränkte Stromversorgung, hohe Gerätetemperaturen oder die Leistungsaufteilung zwischen mehreren Anschlüssen sein.
Wenn dein Fahrzeug mit geeignet temperiertem Akku und relativ niedrigem SOC wiederholt deutlich langsamer lädt als erwartet, lohnt sich ein genauerer Blick.
Prüfe mögliche Fehlermeldungen am Fahrzeug und an der Ladesäule. Falls möglich, kannst du einen anderen kompatiblen Ladepunkt ausprobieren.
Wichtig: Ein einzelner niedriger Leistungswert reicht nicht aus, um die Ursache eindeutig festzustellen.
Die Ladeleistung entsteht immer aus dem Zusammenspiel von Fahrzeug, Batterie und Ladeinfrastruktur.
Die Vorkonditionierung macht aus einem 150-kW-Auto kein 300-kW-Auto.
Sie kann aber dafür sorgen, dass dein Fahrzeug unter geeigneten Bedingungen sein vorhandenes Schnellladepotenzial besser ausschöpft.
Besonders im Winter ist das ein Vorteil: Wer seinen Ladestopp rechtzeitig plant, kann die Batterie bereits unterwegs vorbereiten und an der Schnellladesäule Zeit sparen.
Denn beim Schnellladen zählt nicht nur, wie leistungsfähig die Säule ist.
Entscheidend ist auch, wie gut dein Akku auf den nächsten Ladestopp vorbereitet ist.


